Rundbild

Der Basler Künstler Marquard Wocher erschafft 1814 das erste Panorama der Schweiz. Fasziniert vom Berner Oberland entwirft er ein Rundbild von 38 m Lauflänge der Kleinstadt Thun und dessen Umgebung, mit Blick bis in die Alpen des Berner Oberlands. Detailreich wirft dieses Bild einen Blick auf das Thuner Alltagsleben vor 200 Jahren und wird mit den unzähligen Geschichten zu einem Wimmelbild für Gross und Klein. Heute ist das Panorama das älteste Rundbild der Welt und ist ein Depositum der Gottfried Keller-Stiftung.

Gemälde Marquard Wocher 1809

Fotografie 2009

Während wir heute mehrmals pro Jahr in die Ferien fahren oder fliegen, reisten die Menschen vor 200 Jahren eher selten. Umso mehr faszinierten Bilder von fremden, exotischen Orten. Die Erfindung des Panoramas – ein 360°-Gemälde – bot für viele Leute die Gelegenheit, unbekannte Orte und neue Welten zu bestaunen. Die aufwändig gestalteten Rundbilder wurden bald zu Publikumsmagneten einer wissensdurstigen und bildersüchtigen Gesellschaft und gelten heute als erstes Massenmedium der Geschichte.

Nach seinem Besuch im Berner Oberland war der Basler Kleinmeister Marquard Wocher von dessen grossartiger Bergwelt so begeistert, dass er sich einem ungewöhnlichen Projekt widmete: einem Panorama der Stadt Thun. Im Sommer 1809 skizzierte er in Schwindel erregender Höhe, auf einem Dach mitten in der Thuner Altstadt sitzend, das Panorama von Thun und seiner Umgebung. Wocher, der seinen Lebensunterhalt mit Miniaturmalereien verdiente, übersetzte in Basel die Thuner Skizzen von 1809 bis 1814 in ein riesiges Bildband. Fünf Jahre arbeitete er im Alleingang an der Umsetzung. Das fertige Rundbild erreichte eine Grösse von ca. 7,5 m Höhe und 38 m Breite. Detailreich zeigt es Einblicke in Wohnstuben, Schulzimmer und Gassen des morgendlichen Treibens in der Kleinstadt. Ab 1814 wurde es vorerst in einem eigens dafür gebauten Rundbau in Basel präsentiert. Nach dem Tod des Malers wurde das Bild verkauft, vererbt und verschenkt und geriet somit allmählich in Vergessenheit. Erst in den 50er Jahren entdeckte man es wieder. Dank dem Einsatz der Gottfried-Keller-Stiftung konnte dem stark beschädigten Bild zu neuem Glanz verholfen werden: Die Restaurierung des Gemäldes fand unter der Leitung des Berner Restaurators Hans Fischer in den Jahren 1958/1959 statt. Die Installation in der Rotunde des damaligen Stadtbaumeisters Karl Keller und die Eröffnung des Panoramas erfolgte im Sommer 1961. Gut ein halbes Jahrhundert später hat die Zeit Spuren im Bild hinterlassen. Insbesondere die hohe Feuchtigkeit in den Wintermonaten hatte dem Bild stark zugesetzt. So hat sich das sechsköpfige Team der Restauratoren H.A. Fischer im Sommer 2014 erneut an die Restaurierung des Panoramagemäldes gemacht. Das Thun-Panorama wurde am 28. März 2015 mit einem Erweiterungsbau des Architekturbüros Graber & Steiger aus Luzern feierlich eröffnet und ist der Öffentlichkeit in der Zeit von März bis November zugänglich.

Innenansicht mit Panoramagemälde von Marquard Wocher, Foto: Ian G.C. White

Marquard Wocher, Das Panorama von Thun und dessen Umgegend, 1809-1814 (Detail)
Kunstmuseum Thun, Depositum Gottfried Keller-Stiftung
© Gottfried Keller-Stiftung, Foto: Christian Helmle

Marquard Wocher, Das Panorama von Thun und dessen Umgegend, 1809-1814 (Detail)
Kunstmuseum Thun, Depositum Gottfried Keller-Stiftung
© Gottfried Keller-Stiftung, Foto: Christian Helmle

Marquard Wocher, Das Panorama von Thun und dessen Umgegend, 1809-1814 (Detail)
Kunstmuseum Thun, Depositum Gottfried Keller-Stiftung
© Gottfried Keller-Stiftung, Foto: Christian Helmle

Thun-Panorama

Der Film von Leila Kühni wirft einen Blick auf die Restaurierung von 2014 unter der Leitung von Michael Fischer. Die Produktion des Filmes wurde grosszügig vom Förderverein Kunstmuseum Thun unterstützt.