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Anne-Julie Raccoursier

Anne-Julie Raccoursier, Filmstill

3. November – 4. Dezember 2005

Projektraum Enter

Effaroucheur bezeichnet auf französisch ein Gerät zur Abschreckung von Vögeln und anderen schädlichen Tieren. Die Sirenen sind kleine handliche Vogelscheuchen und verbreiten einen digitalen Sound, der die Vögel nicht nur vom Obstgarten, sondern beispielsweise auch von Flughäfen und da von den Düsen der Flugzeuge fernhalten soll. Im Zusammenhang mit der Vogelgrippe erhalten Effaroucheurs eine ganz neue Bedeutung, eine Ausdehnung ihres Einsatzbereiches ist denkbar.

Die Künstlerin Anne-Julie Raccoursier zeigt in ihrem Video Effaroucheur weder Vögel noch Flughäfen. In ruhigen Bildern tauchen verschachtelte Bauten aus Holz und Beton auf. Einziger Akteur scheint ein Lift zu sein, der sich senkt und wieder steigt. Dazwischen ein Blick über verhüllte Autos, die in ihrem Seidenkleid zu fremdartigen Kostbarkeiten werden. Die Tonspur erinnert an verstimmte Streichinstrumente, dazwischen Flugzeuggeräusche und – tatsächlich – das Krächzen eines Vogels. Es ist der Klang der Effaroucheurs in der Nähe eines grossen Flughafens.

Anne-Julie Raccoursier liebt Assemblagen, doch die Künstlerin konstruiert diese nicht selbst, sondern sucht sie in der Wirklichkeit. Ihre Arbeiten sind für sie dann stimmig, wenn das Publikum sich irreführen lässt und ihre vorgefundenen Realitäten für Collage oder künstlerische Manipulation hält. Der zusammengestückelte Charakter dieser Bildwelten dient als Generator fürs Publikum. Wer beim Betrachten den eigenen Gedanken folgt, assoziiert vielleicht Bunker, verlassene Industrieanlagen, Tourismus, Heimatstil, faschistische Architektur, Western Style, Leere und so weiter. Die Erinnerung an eigene Skiferien drängt sich auf und möglicherweise auch Erleichterung, dass diese Anlage nicht in der Schweiz, sondern in den französischen Alpen steht.

Doch Effaroucheur ist kein Dokumentarfilm über die Architektur im Alpenraum. Mit ihrer filmischen Arbeit will Anne-Julie Raccoursier nicht primär dokumentieren, sondern im Rhythmus des bewegten Bildes unsere Zeit kommentieren. Dabei zieht die Künstlerin den Film der Fotografie deshalb vor, weil der Film nicht statisch und damit auch nicht fixiert auf eine Ansicht ist. Denn, dass es bei ihren Filmen nicht primär um ihre Sichtweise einer Sache geht, ist Anne-Julie Raccoursier wichtig. In Effaroucheur verscheucht der digitale Ton keine Vogelschar, sondern bindet die Aufmerksamkeit. In seiner Fremdartigkeit ist der Klang eine Einladung ans Publikum, zu verweilen und den eigenen Gedanken nachzuhängen. Konsequenterweise hat Effaroucheur daher auch weder Vor- noch Abspann, der Film wird nur durch den Schnitt strukturiert und von den Assoziationen des Publikums begleitet.

Randbemerkung: Sofern Sie den Klang der Effaroucheurs mögen, ist eindeutig bewiesen, dass Sie kein Vogel sind.

Biografie
Anne-Julie Raccoursier (*1974) studierte an der École Supérieur d’Art Visuel in Genf und vertiefte ihre Ausbildung in Los Angeles mit einem Master Postgraduate am California Institute of the Arts in Critical Studies/Integrated Media. Sie lebt und arbeitet in Lausanne und Genf.