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Blicke sammeln 2
KinderspychiaterInnen wählen Kunstwerke aus dem Depot des Kunstmuseums

Ausstellungsansicht Blicke sammeln 2

Ausstellungsansicht Blicke sammeln 2

Ausstellungsansicht Blicke sammeln 2

27. September – 23. November 2008

Projektraum Enter

Ein Jahr lang entwickeln Laien im Projektraum enter Ausstellungen mit Werken der Sammlung. Nach dem See Club Thun experimentieren Mitarbeitende des Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienst Berner Oberland mit Kunst. Sie haben sich aufgrund einer öffentlichen Ausschreibung beworben und wurden unter zahlreichen Einsendungen durch eine Jury ausgewählt (Helen Hirsch, Direktorin; Heinerika Eggermann, Thuner Tagblatt; Sara Smidt, Projektleitung und Kunstvermittlerin). Ihre Motivation für die Projektteilnahme formulieren sie so: "In der therapeutischen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen sind Entwicklung und Veränderung wichtige Bestandteile. Wir begleiten aufregende, schwierige und auch schmerzliche Prozesse und haben es manchmal mit Gewalt zu tun. Mit dem Projekt Blicke sammeln wollen wir einen Augenblick innehalten und bislang Verborgenes ans Tageslicht holen, so wie wir in der Therapie versuchen, die Ressourcen unserer Klienten zum Vorschein zu bringen."

Dies gelingt, indem sie drei Kunstwerke miteinander in Beziehung setzen. Ausgangspunkt ist eine kleine Bronzeskulptur Mutter und Kind von Leonie Karrer (1910 – 2008); ein Motiv, das auch im Zentrum der kinderpsychiatrischen Arbeit steht. Die Figuren kehren dem Betrachter den Rücken zu und blicken auf eine weisse Wand. Woran denken sie? Woran denken die BetrachterInnen? Doch das Bein des Kindes strebt schon davon, die Mutter hat kein Gesicht. Die KinderpsychologInnen waren auf der Suche nach einer Leerstelle, die jedes Kind irgendwann irgendwie erlebt – die Einheit mit der Mutter ist nie von Dauer. Gesucht und gefunden: Marta Herzog (geb. 1948, lebt in Thun) malte 1995 ein abstraktes Bild in dunklen Tönen, geprägt durch eine feine Linie, die eine runde Form beschreibt. Wieder ein Gesicht ohne Augen? Bange fragt ein Teilnehmer, ob dies eventuell an den Tod erinnert, die Totenkopfform? Nun brauchte es noch etwas Fröhliches. Samuel Buris grosses Gemälde Simon dans le chou (200 x 200 cm) bietet Farben, man erkennt vier Figuren, darunter ein Baby (Buris im gleichen Jahr geborener Sohn Simon) und ein Kleinkind (Simons grosse Schwester). Den Ausstellungsmachern fällt auf: Nur die beiden Kinder haben Augen, die Erwachsenen nicht. Vor Beginn des Auswahlprozess war sich die Gruppe einig: "In dieser Ausstellung wollen wir Positives ins Blickfeld rücken und die Routine des Alltags in einem anderen Licht erscheinen lassen." Eine Familienharmonie ist es nicht geworden. Dies aber ermöglicht es den BetrachterInnen, ihre eigenen Blicke und Erfahrungen mitzubringen und selbst auf der Gratwanderung zwischen Geborgenheit und Angst zu balancieren.