Menu

Blicke sammeln 5
Sehbehinderte und Blinde wählen Kunstwerke aus dem Depot aus

Ausstellungsansicht Blicke sammeln 5

Ausstellungsansicht Blicke sammeln 5

1. Mai – 5. Juli 2009

Projektraum Enter

Inzwischen hat es sich herumgesprochen: Im Kunstmuseum gibt es derzeit spezielle Ausstellungen, die von Menschen entwickelt werden, die sonst nichts mit Kunst zu tun haben. Nach den Ruderern, Kinderpsychologen, Mädchen zwischen 10 und 13 Jahren und Migrantinnen präsentieren uns Sehbehinderte und Blinde einen ganz besonderen Umgang mit Kunst. Die Besucherinnen und Besucher erfahren in einem Art Hindernislauf, wie Sehbehinderte und Blinde wahrnehmen: Licht und Dunkel, Geräusche, Tasten, aber auch Farben und Formen mit eingeschränktem Gesichtsfeld. Niemand sieht nichts! Madlen Ruffiner fasst zusammen, was die fünf AusstellungsmacherInnen wollen: „Die Ausstellung kann uns Sehbehinderten Öffentlichkeit bieten. Wir haben Lust auf Welterfahrung. Hier haben wir einen Freiraum gestalten können. Wir wollen auch sonst unser Recht auf Freiräume wahrnehmen können. Dafür brauchen wir Zeit, so wie hier Besucher Zeit brauchen. Denn wir nehmen nicht weniger wahr, nur anders.“

Schnell wurde klar, dass es eine Ausstellung von Blinden für Sehende werden soll. Für die Auswahl gingen wir ins Depot. Dort stach das Bild von Markus Raetz ins Auge – durch Sehen und vor allem durch Kommunizieren. Es ist kein „fertiges“ Gesicht, doch mit Hilfe der Vorstellung wird aus den Punkten ein ganzes Gesicht. Das Gehirn ergänzt. Das Bild steht also symbolisch für die ständige unbewusst ablaufende Meisterleistung von Sehbehinderten und Blinden, ihr Umfeld in Bruchstücken zu erkennen und doch als Ganzes wahrzunehmen. Der Parcours beginnt im Dunklen mit dem Ertasten eines Porträts aus Bronze (Der Gründungsdirektor des Museums Alfred Glaus von Gottfried Keller). Langsam entstehen ein Gesicht und ein Charakter. Bruno Seewer wählte das Porträt aus, da man genauer „hinfühlen“ muss. Der Tastsinn wird herausgefordert, die Skulptur ist nicht so leicht erkennbar. Vorsichtige Schritte führen weiter über einen weichen Teppich und lassen einen abrupt stoppen. Es blendet! Nichts ist zu sehen. Der schöne David von Hans Gerber posiert, ohne bewundert zu werden. Gegenlicht brennt Sehbehinderte in den Augen. Beim Weitergehen kommen Geräusche hinzu, doch man muss ihren Ursprung suchen. Das Bild des Videos ist zunächst nicht so wichtig. Die irritierenden Geräusche sind entscheidend. Die Blinden sehen die Geräusche, das heisst sie versuchen Bilder zu den Tönen entstehen zu lassen. Die Beschreibung, wie sich die Künstlerin Chantal Michel im Video bewegt, macht das Werk dann umso passender. In einem beengenden Raum verrenkt sie sich, läuft an Wand, Decke und Boden bis nicht mehr klar ist, wo oben und unten ist. Orientierungslosigkeit – „kommt uns bekannt vor“, sagen die Ausstellungsmacher. Der Blick wandert weiter und bleibt an einer Wand hängen, welche die verschiedenen Einschränkungen des Sehens spürbar macht. Das vervierfachte Gesicht einer Rock-sängerin von Werner Otto Leuenberger sehen wir nie hindernisfrei. Es wird unscharf oder ausschnitthaft wie beim Röhrenblick oder wenn nur noch Puzzleteile sichtbar sind. „Für mich überwiegen die dunklen Augen und die roten Haare. Aus diesem Wissen bildet sich ein Gesicht“, meint Clarissa Ravasio. Was nehmen Sie wahr?