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GRR 49: rundherundherundherum
Ingo Giezendanner im Thun Panorama

Ausstellungsansicht GRR49: Rundherundherundherum 2012/2013, Foto: Christian Helmle

21. März 2012 – 9. Juni 2013

Thun-Panorama

Im Thuner Schadaupark ist das älteste erhaltene Panorama der Welt, das Thun-Panorama, beheimatet. Es wurde von 1809 bis 1814 von Marquard Wocher gemalt und zeigt das alltägliche Leben in der Kleinstadt Thun und seiner Umgebung auf einer Fläche von 285 Quadratmetern. In seiner Ausstellung rundherundherundherum im Gebäude des Thun-Panoramas stellt Ingo Giezendanner diesem Rundbild ein rund 2 Meter hohes und über 50 Meter langes Panorama gegenüber, das er eigens für die Ausstellung konzipiert hat. So interessant die individuelle Betrachtung der beiden Rundbilder auch ist – die Konfrontation des ältesten mit dem im Moment zumindest jüngsten Panorama der Welt lässt spannende Eigenheiten und Merkmale der Gattung hervortreten, sie macht aber auch deutlich, wie stark der Typus „Stadt-Panorama“ die zeitlichen Gegebenheiten und die Bedürfnisse der Gesellschaft spiegelt.

Auf der Rückreise vom Hirtenfest von Unspunnen 1808 hat der 1760 in Mimmenhausen geborene Künstler Marquard Wocher sein Panorama in Thun skizziert. Umgesetzt hat er es von 1809 bis 1814 in Basel, wo es schliesslich auch ausgestellt wurde. Mehr als 30 Jahre vor der Eröffnung der ersten Zugstrecke in der Schweiz sollte es der Basler Bevölkerung die Schönheit des Städtchens im Berner Oberland vor Augen führen. Dass Wocher dafür den Blick von einem Dach in der Thuner Altstadt gewählt hat, von wo die herausragenden Sehenswürdigkeiten in einer Rundum-Schau sichtbar sind, ist programmatisch, gleich wie auch das Bedürfnis des Künstlers, das Städtchen möglichst wahrheitsgetreu abzubilden. Mit grösster Hingabe zum Einzelnen gibt das Panorama Einblick in das alltägliche Treiben der Kleinstadt Thun an einem Sommermorgen und lässt erahnen, wie das Leben von damals gewesen sein könnte. Diesem historischen Monument setzt Ingo Giezendanner (*1975, lebt und arbeitet in Zürich) mehr als 200 Jahre später mit rundherundherundherum ein fast ebenso grosses, eigens für die Ausstellung geschaffenes Rundum-Bild gegenüber.

Ingo Giezendanner ist ein Flaneur, der sich als Chronist seiner Umgebung bis über die Landesgrenzen hinaus einen Namen geschaffen hat. Wo auch immer er sich gerade befindet, sei es in Berlin, Belgrad oder Baku, sei es in Kampala, Kassel oder Karatschi, überall hält er das, was ihn umgibt, mit sicherem Strich auf Papier fest. Dabei geht es ihm weniger um das Spektakuläre, das historisch oder touristisch Interessante, sondern vielmehr um die Orte, wo sich alltägliches Leben abspielt und wo dieses seine Spuren hinterlässt. Ausgangspunkt für rundherundherundherum bildet (ähnlich wie bei Wocher) denn auch eine Reise – in diesem Fall in die sich ganz ähnlich anhörende und sich fast auf dem gleichen Längengrad wie Thun befindende Stadt Tunis. Auf einem öffentlichen Platz etwas abseits des Zentrums sitzend hat er dort in einer 360-Grad-Zeichnung das Geschehen rund um ihn herum dokumentiert.

Stand bei Wochers Thun-Panorama die möglichst wahrheitsgetreue Wiedergabe des Ortes im Zentrum, so ist dies beim ‚Tunis-Panorama’ nur bedingt der Fall. Giezendanner interessiert sich bei seinem Rundbild inhaltlich in erster Linie für das Konstrukt ‚Stadt’ auf einer übergeordneten Ebene und im Besonderen für die visuellen Folgen des Zusammenpralls unterschiedlichster Bedürfnisse bei einem verdichteten Zusammenleben. Sein ganz in schwarz-weiss gehaltener 360-Grad-Blick zeigt ausschnitthaft eine städtische Szenerie, deren Hauptbestandteile – dicht befahrene Strassen, unspektakuläre Häuserzeilen, im Verfall begriffene Mauerfragmente, sich ausbreitendes Gestrüpp – in ganz ähnlicher Form an unterschiedlichsten Orten anzutreffen sind. Tatsächlich hat der Künstler die Tunis-Zeichnung auch mit an anderen Ecken dieser Erde dokumentierten Detaildarstellungen verwoben und präsentiert damit in erster Linie das Porträt der Stadt in unserer heutigen globalisierten Welt.
Das inhaltliche Verzahnen verschiedener Ansichten überträgt Giezendanner auch auf die formale Konstruktion des Rundbildes. Präsentiert wird dieses nämlich nicht flach an der leicht gekrümmten Wand, sondern ähnlich einer Handorgel gefaltet, wobei sich je nach Blickrichtung ein anderer Panoramateil entfaltet. Im Unterschied zum klassischen, ganz auf eine illusionistische Wirkung hin angelegten Rundbild spielt der Künstler hier mit der Optik, indem er das Publikum das Bild Meter um Meter abschreiten und sich erarbeiten lässt. Giezendanners Panorama ist von einem Netz wild wuchernder schwarzer Linien geprägt. Fast schon an ein Horror vacui grenzend ist die Darstellung bis an die äussersten Ränder mit visuellen Informationen gefüllt, ohne dass dabei aber eine Wertung festgestellt werden kann. Da sind etwa die sich wie eine zweite Haut über Mauern und Häuserwände legenden Tags und Graffitis, da sind die vollgestopften Schaufenster, mit denen die Händler ihre Ware anpreisen, da sind die Wagenkolonnen, die sich nur langsam durch die engen Strassen bewegen – Giezendanners Panorama liest sich wie eine Inventarliste aus den Elementen, die das städtische Leben ausmachen und die man aufgrund ihrer Alltäglichkeit schon lange nicht mehr sieht. Dieser indexikalische Vollständigkeitsanspruch ist es denn auch, welcher der Darstellung eine enorme erzählerische Kraft verleiht und sie von den tagtäglichen Freuden und Plagen, dem Kampf ums Überleben oder der Schnelligkeit, mit der sich unsere Umwelt verändert, berichten lässt.

Zur Ausstellung erschien im Verlag für moderne Kunst Nürnberg ein Ausstellungskatalog (D/E), herausgegeben vom Kunstmuseum Thun, Petra Giezendanner und Siri Peyer.