Menu

Mark Grotjahn

Ausstellungsansicht Mark Grotjahn 2007, Foto: David Aebi

Ausstellungsansicht Mark Grotjahn 2007, Foto: David Aebi

Ausstellungsansicht Mark Grotjahn 2007, Foto: David Aebi

Ausstellungsansicht Mark Grotjahn 2007, Foto: David Aebi

7. September – 18. November 2007

Kunstmuseum

Das Kunstmuseum Thun zeigt als erste Institution in Europa eine umfassende Einzelausstellung des amerikanischen Malers Mark Grotjahn (*1968, Passadena, Kalifornien). Grotjahn studierte an den Universitäten von Kalifornien und Colorado Malerei und Skulptur, bevor er sich in Los Angeles niederliess, wo er seit Mitte der 1990er kontinuierlich eine eigenwillige und ambitionierte Malerei verfolgt. Während Grotjahn in Amerika zu den wichtigsten Vertretern einer jüngeren Malergeneration zählt und in bedeutenden Institutionen wie dem Whitney Museum in New York oder dem UCLA Hammer Museum in Los Angeles ausgestellt hat, ist er in Europa noch wenig bekannt.

In seinen Gemälden und Zeichnungen kehren Bildideen in Variationen wieder und stecken mittels einer reduzierten Formensprache das Interessensfeld des Künstlers ab. Im Zentrum stehen die Butterfly Paintings und Drawings, deren strahlenförmiges Erscheinungsbild charakteristisch ist: feine, tonal abgestufte Linien in einer dichten, pastos aufgetragenen Farbschicht laufen wie Adern auf einen Punkt in der Bildmitte zu. Sie rufen bei den Betrachterinnen und Betrachtern eine Reihe von Malereitraditionen modernistischer Kunstströmungen wach: streng formalistisch konzipiert erinnern sie an Farbfeldmalerei oder Werke des Abstrakten Expressionismus der 1950er Jahre. Die Spiralform fordert unmittelbar die gedankliche Verknüpfung mit Elementen der Popkultur und der Alltagswelt heraus. Assoziationen an Räder, Propeller und optische, kaleidoskopartige Effekte werden freigesetzt, Sonnenuntergänge und endlose Highways aus Road Movies ins Gedächtnis gerufen. Spielerisch wird dabei ein Paradox ausser Kraft gesetzt: Mit den Regeln räumlicher Perspektive generiert Grotjahn abstrakte Kompositionen, während er das Regelwerk der nicht figurativen Malerei einsetzt um räumliche Dimensionen zu schaffen.

Doch weder Ironie noch Zweideutigkeit schaffen eine Abgrenzung, sodass eine systematische Einordnung in Traditionslinien der abstrakten Kunst oder in einen zeitgenössischen Kunstkontext schwer fällt. Grotjahns ernsthafte Herangehensweise rückt seine Arbeiten in die Nähe von spiritualistisch motivierter Ästhetik: Genauso wie sich Barnett Newmans sublimierte Zip Paintings als Referenz anführen lassen, erinnert die Strahlenform an die Ästhetik der Beat Generation oder an Tendenzen der Outsider Art. Vor allem den grossformatigen farbstarken Gemälden und Zeichnungen haftet neben ihrem rational geometrischen Aufbau eine sinnliche und physische Strahlkraft an.
Stilistisch als auch ideengeschichtlich schöpft Grotjahn für die parallel entstehenden Faces und Masks aus diesem expressiven Bilderfundus abseits des etablierten Kunstsystems. Die Fratzen und Phantasiegesichter zeugen teilweise von ihrer Verwandtschaft mit der Spiralform, besitzen aber eine offensichtliche Affinität zur Art Brut. Um das Thema des Selbstbildnisses kreisend, folgen sie einer persönlichen, inneren Logik des Künstlers. Die Gesichter bewegen sich zwischen der Aneignung unterschiedlicher Bildwelten sowie subjektiver Geschichte und familiärer Anekdoten. In diesem Zusammenhang sind auch die in die Ausstellung integrierten Zeichnungen des Grossvaters Martin Grotjahn zu verstehen: Die meist humoristischen Skizzen des berühmten amerikanischen Psychoanalytikers aus den 1960er Jahren bilden die Vorlage für einige Zeichnungen von Mark Grotjahn und stellen den monochromatischen oder mehrfarbigen Farbkompositionen eine gänzlich andere Bildwelt zur Seite.

Die Ausstellung in Thun zeigt die beiden Pole von Grotjahns Schaffen: eine figurative, zuweilen kindliche Bildsprache neben farbintensiven, abstrakten Kompositionen, die den Ausstellungsraum mit einer ausdrucksstarken Präsenz erfüllen und auf fast metaphysische Weise eine kontemplative Auseinandersetzung mit dem Werk ermöglichen. Es wird ein Spannungsverhältnis zwischen analytischer Struktur und einer gleichzeitig irrationalen Wirkung provoziert und damit das Zusammentreffen von Abstraktion und Figuration erlebbar gemacht.