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Reanimation - Hermann Gerber

Ausstellungsansicht Reanimation 2004

Ausstellungsansicht Reanimation 2004

Ausstellungsansicht Reanimation 2004

24. September – 21. November 2004

Kunstmuseum

Den Ausgangspunkt zur Ausstellung Reanimation bildet das Werk des zu Lebzeiten unbekannt gebliebenen Künstlers Hermann Gerber, der über 2500 Zeichnungen von eigenwilliger Schönheit schuf. Seine Sujets waren Meisterwerke der bildenden Kunst. Gerbers faszinierendes Werk stellt ein Extrakt der abendländischen Kunstgeschichte dar, zeitlich bei frühmittelalterlichen Tafelbildern einsetzend und bis zum Informel der 1960er-Jahre reichend. Hermann Gerber ist jedoch keinesfalls nur ein braver Nacheiferer. In manchen Blättern zeigt sich ein künstlerischer Wille, der über die Annäherung und Durchdringung der Vorbilder hinausgeht. In der hier präsentierten umfassenden Auswahl von Gerbers Zeichnungen sehen wir das Resultat einer äusserst intensiven, vielleicht gar obsessiven Arbeit: ein musée imaginaire eines Aussenseiters, der eine leidenschaftliche Beziehung zur Kunst lebte.

Hermann Gerber wächst in Zürich auf und reist in jungen Jahren nach München und Berlin, um Kunst zu studieren. In den 1920er-Jahren lebt er in Paris, wo er als Modeschöpfer und -illustrator arbeitet. Zurück in der Schweiz, betätigt er sich vor allem als Grafiker. 1951 zieht Hermann Gerber nach Aeschi bei Spiez, wo er bis zu seinem Tod 1979 wohnt. Im Berner Oberland lebt er sehr zurückgezogen und kaum jemand weiss etwas über seine künstlerische Arbeit. Seine Erben entdecken nach Gerbers Ableben sein umfangreiches zeichnerisches Werk, und schenken es später der Grafiksammlung des Museums für Gestaltung in Zürich. Im Hinblick auf die Ausstellung hat das Museum für Gestaltung Zürich seine Bestände dem Kunstmuseum Thun grosszügig zur Verfügung gestellt, und Hermann Gerbers Nachlass konnte aufgearbeitet werden. Sein Werk wird mit dieser Ausstellung erstmals der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Reanimation stellt Hermann Gerber, beziehungsweise seine künstlerische Strategie, in einen zeitgenössischen und internationalen Kontext. Das Aufgreifen und Aneignen bestehender Kunstwerke ist in der Gegenwartskunst seit den 1970er-Jahren unter dem Begriff der „Appropriation Art“ bekannt. Gerade in jüngster Zeit sind neue spannende Positionen hinzugekommen, von denen hier einige vorgestellt werden. Mit dieser Gegenüberstellung soll der grundlegende Diskurs um Autorenschaft, künstlerische Eigenständigkeit und Originalität weitergeführt werden.

Interessante zeitgenössische Vertreter der „Appropriation Art“ sind etwa Tom Hunter oder Vik Muniz, die bekannte Werke anderer Künstler nachstellen oder in neuer Technik umsetzen. Juan Araujo und Christine Streuli erforschen malend alte Meister und schaffen dabei eigenständige Werke von grosser Intensität. Bertrand Lavier reinterpretiert mit seinem Mosaik ein impressionistisches Gemälde und bringt dadurch einen feinen Witz ins Spiel, während Valentin Carron Bilder von Fernand Léger auf Leder übertragen lässt und die Ikonen des Kubismus damit in einen populären Kontext überführt. Mit ad infinitum reproduzierten und rezipierten Motiven aus der Kunstgeschichte beschäftigt sich Thomas Schütte. Betende Hände und Feldhase, zwei in kühler Perfektion gezeichnete Motive von Albrecht Dürer, verbindet er zu einer etwas ungelenken aber emphatisch skizzierten Figur und scheint so eine ganz persönliche Aneignung zu versuchen, ohne es dabei mit dem Übervater der deutschen Kunst aufnehmen zu wollen. Vaclav Pozarek stellt zur Disposition, dass nicht nur das Werk, sondern auch der Künstler selber zur Ikone werden kann, und wirft mit seinen gefälschten Künstlerporträts Fragen nach Authentizität und Autorenschaft auf.

Viele der Fragen, die sich anhand von Gerbers Werk erörtern lassen, sind in der Gegenwartskunst relevant, und dies obwohl Gerbers Arbeitskontext ein grundlegend anderer war als jener der zeitgenössischen Künstlerinnen und Künstler, die an der Ausstellung „Reanimation“ teilnehmen. Hermann Gerber öffnet das Feld für eine Diskussion über Kunst, die im Werk der anderen Kunstschaffenden weitergeführt und „reanimiert“ wird, indem sie zu Stellungnahme, Kritik oder Fortführung der Debatte einlädt. Hermann Gerber teilt mit diesen zeitgenössischen künstlerischen Positionen das Wissen darum, dass Wiederholung immer woanders hinführt.